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1800 - 1850: Agrarreform - Staatsbankrott - Freiheitskampf

Die Schenefelder Bauern waren sich im Jahre 1801 einig, die Feldgemeirıschaft aufzuheben. Zugleich bestimmten sie auf der Versammlung, dem Buerlag, eine Flurbereinigung durchzuführen und das bisher gemeinsam genutzte Ödland am Rande der Feldmark aufzuteilen. Sie bestellten den Landmesser Chr. Jargstorf aus Kellinghusen und beauftragten ihn, die Gemarkung Schenefeld zu vermessen und aufzuzeichnen. Damit wurden zunächst die Größe und Bodengüte der Ländereien ermittelt. Nach Maßgabe dieser Werte erhielt der Bauer statt der zerstreut liegenden, handtuchartigen Ackerstreifen geschlossene Felder von regelmäßiger, meist länglicher Form, sog. Koppeln, als eigen zugewiesen (der Name kommt daher, dass man die alten Besitzanteile „verkoppelte”). Sie hatten den Vorteil, dass sie günstiger zu bearbeiten waren und der einzelne auf ihnen nach Gutdünken und Herzenslust wirtschaften konnte, was vorher bei Bestehen der Feldgemeinschaft wegen der Abhängigkeit von Nachbars Feldbestellung nicht möglich war (Flurzwang).

Als äußeres Zeichen seiner betriebswirtschaftlichen Verselbständigung umzog der Bauer seine „Koppel“ mit einem Erdwall, dessen dichter Bewuchs mit Hasel, Dorn, Flieder und anderen Sträuchern das Ausbrechen des Viehs verhindern sollte und zugleich in diesem Lande dauernder Sturmwinde als Schutz für die Ackerkrume und die weidenden Tiere diente. So entstanden die Knícks, die ein charakteristisches Merkmal der holsteinischen Geestlandschaft darstellen.

Es hatte sie und die Koppeln schon vorher gegeben - insofern kann man nicht sagen, dass sie erst durch die Verkoppelungsaktion entstanden wären -, aber sie spielten vorher keine Rolle. Das Saatland wurde im Frühling durch künstliche Holzzäune gegen das weidende Vieh geschützt, das der Dorfhirte hütete. Bewachsene Erdwälle umgaben die wenigen sogenannten „alten Koppeln”, die irgendwann einmal von dem Eigentümer mit Erlaubnis des Buerlags aus dem Ackerland herausgeschnitten und für sich eingefriedigt worden waren. In Schenefeld gab es 1801 deren nur fünf; sie liegen alle am Rande des Kulturlandes und verraten dadurch ihr jüngeres Alter. Die Agrarreform machte auch nicht vor den Gemeindeländereien halt. Die sogenannte „Meenheit” (hochdtsch. Alimende) wurde ebenfalls aufgemessen und gerecht an die Bauern verteilt, die nun die Aufgabe hatten, das unfruchtbare Land aus Heide, Strauchwerk und Sumpf einzuhegen und zu kultivieren. Nahezu die Hälfte der Schenefelder Gemarkung kam damals unter den Pflug - was für ein Besitzzuwachs für den Bauern, der ihn allerdings erst mit viel Schweiß und Mühe nutzbar machen musste! Mit der Aufteilung der „Meenheit” erwies es sich als nötig, ein festes Wegenetz zu schaffen. Bisher konnte man über die Heideflächen regellos daherfahren. Jetzt mussten Wege so ausgelegt werden, dass jeder an seine Koppel gelangen konnte. Dieser Aufgabe entledigte sich der Landmesser, in dem er auf seiner Karte mit dem Lineal schnurgerade Wegstrecken zog und sie auf die Natur übertrug. So entstand das heutige Netz der Feldwege.

Die großen Heer- und Handelswege wurden von dieser Regelung nicht betroffen. Sie waren „des Königs Straßen” und unterstanden dem Rendsburger Amtshause.

Es war nun nicht etwa so, dass der Beschluss der Bauernversammlung zur Durchführung der Verkoppelung spontan gefasst wurde. Innerhalb des Beteiligtenkreises gab es Angehörige der älteren Generation, die Einwände erhoben und auf die Überlieferung hinwiesen, die man nicht zu Gunsten eines unerprobten Neuen leichtfertig über Bord werfen sollte. Dennoch setzten sich die fortschrittlich Gesinnten durch, zumal das Gesetz ihnen Vorschub leistete. Wer heute die Schwierigkeiten kennt, denen sich die modernen Flurbereiniger gegenübergestellt sehen, der kann ermessen, was für Widerstände vor 150 Jahren aus dem Wege zu räumen waren. Dass es dennoch gelang, kann nicht allein mit dem Hinweis auf die staatliche Agrarreformgesetzgebung von 1770 -1804 erklärt werden, denn das für das Herzogtum Schleswig 1770 und Herzogtum Holstein 1771 erlassene Verkoppelungsgesetz war nicht befehlender, sondern empfehlender Art. Der Staat scheute sich damals, in die internen Belange selbstverwaltender Bauerschaften einzugreifen. Vielmehr liegen die Gründe für den Umschwung tiefer und sind in dem Weltanschauungswandel zu suchen, den die Aufklärung im 17. und 18. Jahrhundert herbeiführte. Die Geister der Aufklärung hatten sich den Kampf gegen überlebte Verhältnisse auf die Fahnen geschrieben. Sie waren erfüllt von dem Glauben an die Allmacht der Vernunft als der Reglerin aller menschlichen Beziehungen und lehnten die auf das Jenseits gerichtete Welthaltung des mittelalterlichen Menschen ab. Mit den Kräften des Verstandes ausgerüstet, bedürfe der einzelne Mensch nicht mehr der Bindung an die Gemeinschaft religiöser, sozialer und wirtschaftlicher Art, an denen das Mittelalter so reich war. Er ist innerlich frei und gestaltet sein Lebensglück nach eigenem Ermessen. Diese aufgeklärte Haltung ergriff die ganze gebildete Welt Europas und beeinflusste die regierenden Häupter in ihren Maßnahmen. Sie fand in Dänemark und Schleswig-Holstein ihren praktischen Ausdruck u. a. in der Agrarreformgesetzgebung der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, deren Ziel es war, den Untertan von überholten Zwangseinrichtungen zu befreien und ihm die Voraussetzungen für die individuelle Wohlfahrt und Glückseligkeit zu verschaffen. Mit der Aufhebung der Leibeigenschaft 1804 fand sie ihren krönenden Abschluss. Doch wirkte die obrigkeitliche Regelung mehr als Anstoß denn als Vollzug. Entscheidend war, dass die neue aufklärerische Gesinnung auch auf dem spröden Boden des flachen Landes zum Keimen gekommen war und die Gemüter reif gemacht hatte. Die Feststellung dürfte nicht verfehlt sein, dass sie noch heute das Denken der ländlichen Bevölkerung bestimmt. Allenthalben regte sich im 18. Jahrhundert der Geist des Fortschritts in der Landwirtschaft. Die Besömmerung (Zwischenfrucht) unterbrach die altüberlieferte Fruchtfolge von vier Jahren Aussaat und drei Jahren Brache, das Mergeln fand Eingang und machte sterile Böden ertragreich, man baute Klee und säte Weiden an. Kurz: die Verkoppelung ist Teil eines allgemeinen geistigen und wirtschaftlichen Wandlungsprozesses, der Abkehr vom mittelalterlichen Kollektivsystem und der Zuwendung zur individuellen Wirtschafts- und Gesellschaftsform.

Die Pulser Bauern waren die ersten im Kirchspiel Schenefeld, die mit der Agrarreform begannen (1773). Dann folgten die anderen größeren Bauerndörfer, die ja den eigentlichen Gewinn davon hatten. Die Schenefelder, bei denen das Agrare nicht im Vordergrund stand, hinkten mit dem Jahr 1801 hinterher. Die kostspieligen und mühseligen Kultivierungsarbeiten zogen sich weit über mehrere Jahrzehnte bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts hin. Abgelegene Heidestrecken wurden erst gegen Ende des Jahrhunderts mit dem Dampfpflug umgebrochen und durch Verwendung künstlichen Düngers fruchtbar gemacht. Besonderen Gewinn hatten die Kätner aus der Agrarreform. Durch die Zuteilung von Land vermehrte sich ihr Besitz erheblich und wuchs zur Größe von Bauernstellen empor. Für die gesamte Volkswirtschaft bedeutete dies nicht nur die Erweiterung, ja Verdoppelung der Kulturbodenfläche, sondern auch die Voraussetzung für die Ernährung einer zahlenmäßig wachsenden Bevölkerung. Die segensreichen Wirkungen der Agrarreform wären schon bald in einer allgemeinen Besserstellung der Landwirtschaft zum Ausdruck gekommen, wenn nicht die Folgen der Napoleonischen Kriege schwerste wirtschaftliche Erschütterungen in Schleswig-Holstein verursacht hätten.

Seit 1807 stand der dänische König, als Herzog von Holstein unser Landesherr, im Bündnis mit Napoleon I. Da die Gegner des Kaisers das dänische Norwegen mit Schweden vereinigen wollten, hielt er ihm trotz der Niederlage der Franzosen in der Völkerschlacht bei Leipzig 1813 die Treue und bewahrte sie, als im Spätjahr 1813 schwedisch-russisch-deutsche Truppen in Holstein eindrangen. Hatte die Kontinentalsperre Napoleons den Herzogtümern bereits schweren Schaden zugefügt, weil die natürlichen Handelsverbindungen über die Nordsee nach England unterbunden waren, so führten die Kriegsanstrengungen den Ruin der Staatsfinanzen herbei. Die gesunde Silberwährung Schleswig-Holsteins wurde in den Strudel hineingerissen. Die dänische Regierung beschlagnahmte den Silberbestand der schleswig-holsteinischen Bank in Altona im Jahre 1812 und entführt ihn nach Kopenhagen. 1813 trat das ein, was der Gegenwart in noch frischer Erinnerung steht: die Entwertung des alten Geldes und Schaffung einer neuen Währung. Um dies neue Geld, den Reichsbankthaler, zu fundieren, wurde in Kopenhagen die Reichsbank gegründet, zu deren Grundstock die Herzogtümer Schleswig und Holstein 14 Millionen, Dänemark 19 Millionen hergeben mussten. Zu dem Zweck erklärte der Staat 6 Prozent allen Grundbesitzes als Staatseigentum. Wer diesen Schuldbetrag nicht sofort in bar abführen konnte, erhielt die Summe als erste Hypothek auf sein Grundstück eingetragen, die er mit 6,5 % verzinsen musste. Diese sogenannte „Bankhaft” bedeutete eine schwere Belastung für den Grundbesitz. Viele Stellen wechselten ihre Besitzer. Niemals waren die Konkurse von Gütern und Bauernstellen so häufig wie in den Jahren 1814 bis 1835 (G. Reimer). Bei dem Fehlen eines ausgebildeten Kreditwesens auf dem Lande gab es keine Möglichkeit, wirtschaftliche Verluste aufzufangen oder gar Neuanschaffungen vorzunehmen. Wer Geld gebrauchte, ging entweder zum vermögenden Nachbarn oder lieh es sich bei einer Bank in der Stadt.

Die wirtschaftliche Lage in den Herzogtümern nach dem Staatsbankrott im Jahre 1813 war trostlos. „Die Bodenerzeugnisse sanken nach Beendigung der Kriege bedeutend im Preise, so kostete um 1830 eine Tonne (85 kg) Weizen nur noch 9,60 Mark, Gerste 6,00 Mark, Hafer 3,60 Mark, dementsprechend fielen auch die Preise für Vieh. Schlimmer aber war es, dass die Ausfuhr selbst des billigen Getreides und des billigen Viehs fast unmöglich war, da der Hauptabnehmer der überschüssigen Bodenerzeugnisse, England, im Jahre 1815 ein Getreideeinfuhrverbot erließ und auf eingeführtes Vieh einen Zoll legte. Erst als England zum Freihandel überging und 1845 den Vieheinfuhrzoll, 1850 das Getreideeinfuhrverbot aufhob, trat eine Gesundung der Verhältnisse in Schleswig-Holstein ein” (Jensen).

Als am 21. März 1848 in Kopenhagen eine „eiderdänische" Regierung ans Ruder kam und mit der Loslösung Schleswigs von Holstein Ernst machte (die Eider sollte Grenze sein!), erhoben sich die Herzogtümer und sagten sich von Dänemark los. Die Provisorische Regierung in Kiel übernahm am 24. März 1848 die höchste Gewalt, die es nun zu wahren und zu verteidigen galt. Wie überall, so waren auch die Eingesessenen des Kirchspiels Schenefeld bereit, ihr Leben für die Einheit und Selbständigkeit ihrer Heimat in die Schanze zu schlagen. Am 27. April fand in Schenefeld eine Versammlung statt, in der der Entschluss zur Errichtung des Landsturms gefasst wurde. Jeder von 20 bis 50 Jahren musste mit dabei sein. Zum Anführer der aus mehreren „Compagnien” bestehenden Mannschaft wurde der Tischlermeister Matthias Stahl in Schenefeld gewählt. Nun hieß es fleißig exerzíeren, „rechts um", „links um" machen und die ungeübte Hand an die Führung der Waffe gewöhnen. Wer aber die mangelhafte Bewaffnung und uneinheitliche Bekleidung sah, dem schien doch eine zu große Kluft zwischen Wollen und Können zu bestehen.

Die Schenefelder Landsturmleute kamen nicht erst zum Einsatz. Das Schicksal der Erhebung Schleswig-Holsteins entschieden die Linientruppen in der Schlacht bei Idstedt am 25. Juli 1850. Sie endete mit der Niederlage auf dem Felde; damit war der Freiheitstraum von 1848 ausgeträumt und alle Hoffnung auf ein dänenfreies „Up ewig ungedeelt” zunichte. An die Toten dieser Jahre erinnert die Gedenktafel in der Kirche. Seit dem 1. Februar 1852 stand Schleswig-Holstein wieder unter der Herrschaft des dänischen Königs. Die Verfolgung der „Patrioten" setzte ein. Wer um diese Zeit in den Kirchort Schenefeld einkehrte, wird den Eindruck eines mäßig großen Katendorfes empfangen haben. Schenefeld zählte 1852 570 Köpfe, das Kirchspiel 4606 Köpfe. Seit 1801 hatte es sich nicht unerheblich erweitert.

Beherrschend stand noch immer die St.-Bonifatius-Kirche, umgeben von prächtigen Linden, in der Mitte des Ortes. Die um sie gelegenen Straßen und der Marktplatz trugen den Hauptverkehr. Wenn im Frühjahr und Herbst die berühmten Schenefelder Vieh-, Pferde- und Krammärkte stattfanden, war dieser innere Ortsteil belebt, wie es das bedächtige Alltagsleben im Dorfe sonst nicht ahnen ließ. Aus der näheren und weiteren Umgebung fand man sich hier ein, um Geschäfte abzuschließen, Bekanntschaften zu erneuern oder zu schließen und in froher Runde zu feiern. Für die Schenefelder Handwerker und Gewerbetreibenden waren diese Markttage von hoher wirtschaftlicher Bedeutung. 1860 finden wir am Orte acht Schuster, fünf Tischler, fünf Maurer (1852 waren es vier, im ganzen Kirchspielsgebiet neun), vier Höker, je drei Schlachter, Bäcker, Tuchmacher, Musiker, Gerber, Schneider, je zwei Böttcher, Stellmacher, Sattler, Maler, Schmiede, Schlosser, Steinhauer, je einen Drechsler, Zimmermann, Lohgerber, Klempner, Wollspinner und Weber. Diese Aufzählung ist sehr aufschlussreich, zeigt sie doch die Vielfalt der handwerklichen und gewerblichen Berufe in der damaligen Zeit, die heute einer weitgehenden Vereinfachung gewichen ist. Die Tuchmacher, Färber, Lohgerber, Wollspinner und Weber gibt es nicht mehr; sie haben der industriellen Fertigungsweise weichen müssen. Das erste Manufakturwaren-Geschäft entstand 1864. Vorher beschäftigten sich „einige alte Frauenzimmer in Schenefeld” mit dem Verkauf „einzelner im Haushalt unentbehrlicher Gegenstände, als Nähnadel, Zwirn, Garn, eigengemachten Leinens, Stouts” (Von Itzehoer Kaufleuten geholt). Daher sei es gerechtfertigt, so hieß es in einem Antrag, einen „Handel mit Ellenwaren” zu gründen. Der Ladenverkauf war eben recht bescheiden. 1866 betrieb z.B. Kätner P. Voss eine Hökerei und „Handel mit Kaffee, Tee und Zucker". Bemerkenswert ist ferner die Ausübung mehrerer Berufe in einer Hand. Der Bauer Behrens war zugleich Grützmüller. Die Gastwirte J. Carstens und P. Behrens lebten zusätzlich von der Landwirtschaft. D. Peperkorn war Gastwirt, Korn- und Düngerhändler und betrieb ein Fuhrunternehmen. 7 Bauern, 13 Kätner und 31 Tagelöhner bildeten den anderen Zweig der Wirtschaft Schenefelds. An „Höfen und Häusern" werden 1860 98 gezählt, bewohnt von 139 Familien mit insgesamt 703 Köpfen.

Ein mächtiger Antrieb wirtschaftlicher und kommunaler Art sollte von der „Spar- und Leihcasse” ausgehen, die 1852 in Schenefeld gegründet wurde. Sie entwickelte sich langsam aber stetig von einem zunächst bescheidenen Institut mit sozialpolitischer Aufgabe („dem dienenden Stande helfen”) zu einem bald das ganze Kirchspielsgebiet beeinflussenden geldwirtschaftlichen Faktor.