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Die Heerwege durch den Holstengau und das System fränkischer und spätsächsischer Wehranlagen nach dem Stand von 1939

Sieben Jahre nach Erscheinen des Buches „Urholstein” erfuhr von archäologischer Seite her der ganze Kaaksburgkomplex eine neue Beleuchtung, nachdem schon vorher die Datierungen Hofmeisters einer Revision unterzogen worden waren, wonach die Funde hauptsächlich dem 9. und 10. Jahrhundert zugewiesen wurden. Im Rahmen der archäologischen Landesaufnahme für den Kreis Steinburg hatte Professor K. Kersten die durch das alte Gaugebiet zwischen Eider und Stör führenden Wegesysteme erforscht und wahrscheinlich gemacht, dass mehrere der mittelalterlichen Ochsenwege bis in früh- und vorgeschichtliche Zeiten zurückreichen.

Man darf sogar mutmaßen, dass der mittelalterliche Elbweg von Stade über die Elbe bis in die Gegend von Itzehoe auf einer uralten Verbindung beruht, da schon in der Bronzezeit beide Ufer in enger kultureller Beziehung standen und die störnahe Geest um Itzehoe geradezu als Einzugsgebiet für viele Import-bronzen ins Auge sticht. Eine sichere Datierung der für sehr alt gehaltenen Wege ist jedoch nicht in dem Maße angängig wie streckenweise in Mittel- und Westschleswig sowie in Jütland, wo ausgeprägtere Zeilen von langen Grabhügelketten die alten, heute oft nur noch im Luftbild erkennbaren Wege begleiten. Ein Nord-Süd-Weg aus Jütland überquerte westlich von Rendsburg bei Fockbek die Eider und verlief über Ievenstedt, Schülp, Luhnstedt, Hohenwestedt und „Hungriger Wolf” nach Itzehoe. Von einer Abzweigung bei Jevenstedt führte ein zweiter Weg über Innien, Willenscharen nach Bad Bramstedt und weiter nach Hamburg. Eine westliche Heerstraße aus der Gegend Lunden verlief über die Stellerburg, Heide, Albersdorf, Grünenthal, Hof Keller, am Krinkberg vorbei, durch die Vorburg der Kaaksburg nach Itzehoe. Beim Krinkberg zweigte ein Weg nach Schenefeld ab. Ob dieser Weg über Schenefeld hinaus bis an die sog. „Lübsche Trade", eine bekannte mittelalterliche Ost-West-Handelsstraße, verlängert war, wissen wir nicht. Die Lübsche Trade kam von Meldorf und ging über Dellbrück und Grünenthal, wo sie den Hauptweg von Heide nach Itzehoe kreuzte, weiter nach Gokels, Ohrsee und Puls über Reher, Meezen, südlich Jahrsdorf vorbei nach Bünzen, Wittorf, Neumünster, Segeberg, Lübeck.

Die einzigen vagen Anhaltspunkte entnehmen wir der frühen Kirchengründung in Schenefeld. Die zwischen 826 und 848 erbaute Kirche scheint lange Zeit die einzige Pfarrkirche im Holstengau gewesen zu sein, die noch 1074 von Adam v. Bremen als „die Kirche der Holsaten” bezeichnet wird. Von ihr aus nahm die kirchliche Organisation Holsteins ihren Ausgang. Wahrscheinlich gehörte der ganze Gau so lange zur Schenefelder Parochie, bis es zur Gründung weiterer Parochialkirchen kam. Darüber liegen keine genauen zeitlichen Angaben vor, doch dürfte in Wippenthorp, dem späteren Neumünster, um 1127 die erste Neugründung seit Schenefeld erfolgt sein. Um die Mitte des 12. Jahrhunderts werden nach K. H. Gaasch die Pfarrkirchen von Nortorf, Jevenstedt und Kellinghusen entstanden sein.

Nachweislich knüpfte die Kirche bei der Einführung des Christentums bewusst an örtliche Kulttraditionen an; häufig stehen die ersten Gotteshäuser auf oder neben dem Platz eines heidnischen Heiligtums. H. Jankuhn hält das auch bei der Schenefelder Kirche für möglich, weil sich in einem Luftbild um die Kirche ein ringförmiges Gebilde abzeichnet, über deren Bedeutung man freilich nichts Näheres weiß und das auch ebenerdig nicht zu erkennen ist. Es muss aber Gründe der Art, wie wir sie nannten, gegeben haben, weshalb man gerade Schenefeld zum Standort der Gaukirche wählte. Diese Annahme lässt sich noch von anderen Erwägungen her stützen. In einer siedlungsgeschichtlichen Studie hat H. Ramm nach mittelalterlichen Quellenzeugnissen die vormittelalterliche Waldbedeckung und die waldfreien Flächen rekonstruiert. Mit Hilfe der zeitlich verschiedenen Ortsnamenschichten konnte er die alten Siedlungskerne ermitteln, die jeweils von Waldgürteln umgeben waren. Solche frühen Siedlungskerne, die wahrscheinlich bis in die ersten Jahrhunderte nach Christi Geburt zurückzuverfolgen sind, bestanden um Drage, Looft, Peißen, Reher, Puls, Beringstedt, Osterstedt und evtl. um Kaaks. - um die wichtigsten aufzuzählen. Von diesen ältesten Siedlungskammern aus erfolgte ein Landausbau. Man erkennt das an etwas jüngeren Ortsnamen. Von Puls soll Oldenborstel, von Reher Wedeldorf, von Looft Pöschendorf, von Drage Kaisborstel abgelegt worden sein. Jankuhn, der die Ergebnisse Ramms im Wesentlichen durch vorgeschichtliches Fundmaterial bestätigen kann, vermutet, dass der Ort Pöschendorf im Zuge dieses Landausbaus um 700 oder etwas später entstanden ist. Auch andere Orte auf -dorf sind auf das 8. Jahrhundert zurückzuführen, während Orte auf -büttel, -borstel oder -husen wiederum in einer jüngeren Ausbauphase nach 800, etwa um 1000, entstanden sein werden. Die Gemarkungen der älteren Orte sind meist ziemlich gut arrondiert und größer als die während der jüngeren Ausbauphase gegründeten Dorfsiedlungen. Besonders aufschlussreich ist der Vergleich der Gemarkungen von Pöschendorf und Schenefeld. Schenefeld, obgleich es das älteste und lange Jahrhunderte hindurch auch das größte Kirchspiel war, hat nach Jankuhn nur eine verhältnismäßig kleine, „verklemmte” Gemarkung, in der der alte Ortskern nicht zentral, sondern ganz peripher nach der Gemarkungsgrenze von Pöschendorf hin liegt, ebenso wie die alten Schenefelder Ackerflächen, die eine direkte nördliche Fortsetzung des Pöschendorfer Ackerlandes bilden. Daraus wird ein Ausbau von Süden her erschlossen, indem - offenbar im Zusammenhang mit der Kirchengründung, von dem alten, ursprünglich größeren Gebiet Pöschendorfs ein Teil des alten Ackernbestandes für Schenefeld abgetrennt wurde, um dem neuen Kirchenort und seinen Bewohnern die Rodung zu ersparen. Das erklärt nach H. Jankuhn auch, weshalb die nordwestliche Gemarkungsgrenze von Pöschendorf so „ausgeschnitten“ wirke. Der Gründungsakt der Schenefelder Kirche wäre dann quasi durch entsprechende Landdotierungen von Pöschendorf aus erfolgt, eine Annahme, die sich mit dem Inhalt einer in diesem Sinne bisher nicht verwerteten Sage deckt. Danach sollte die Kirche von Schenefeld zuerst auf der „Karkenheiloh” bei Puls stehen; dann sei sie von Pöschendorf aus gegründet worden, und die Geistlichen von Schenefeld hätten in alten Zeiten in Pöschendorf gewohnt.

Mit der Einführung des Christentums hörte die Sitte der beigabenreichen Begräbnisse auf. Damit ergibt sich eine zeitliche Diskrepanz von ein bis zwei Generationen bis zur Kirchengründung in Schenefeld. Die Nachkommen der Toten vom Krinkberg, die ihren Hof wohl bei Pöschendorf hatten, werden ihre Verstorbenen auf einen christlichen Friedhof um die neue Kirche herum oder in der Kirche bestattet haben. Und ist es Zufall, dass die erste Kirchenneugründung nach Schenefeld in Wippenthorp (dem späteren Neumünster) erfolgte? Hier, wo sich im Laufe der Grenzkämpfe ein neues politisch-militärisches Zentrum herausgebildet hatte, verdeutlicht durch den Overboden und seine Gefolgschaft, entstand um 1126 ein neues kirchliches Zentrum, das bald um ein Chorherrenstift erweitert wurde. Wie früher von Schenefelds Kirche die Christianisierung des Altgaues ausging, so sollte jetzt von der neuen Kirche die Mission in das slawische Gebiet hinein vorgetragen werden, der militärischen Eroberung auf dem Fuße folgend.